Donneschdeg, de 26. Abrëll 2007 – N° 081

Kultur 21
Interview: Simone Molitor
Giftige Autoschlangen

„Die Wurst. Das Ende. Der Welt.“ - Das Buch. Der Autor. Das Interview.

Zeit. Zu gehen. Der Zwei-Uhr-Termin. Es klingelt. Keine Möglichkeit abzusagen? Gibt es nicht. Er steht in der Tür. Bereit! Sich unseren Fragen zu stellen. Zu spät! Kein Entkommen....

Man stelle sich vor, Journalisten würden ihre Beiträge in dieser gewöhnungsbedürftigen Manier schreiben! ER tut es... (- wobei wir uns nicht anmaßen, ES auch zu können). ER schert sich nicht darum, ob der Leser nach fünf Seiten die Schnauze voll hat, die Lektüre aufgibt und SEIN Buch wieder zuklappt. ER mag Satzzeichen, wo keine hingehören, ER schreibt Sätze ohne das obligate Prädikat, ER benutzt aussagekräftige Wörter, die es gar nicht einmal wirklich gibt. Absätze sind tabu, genau wie Zwischentitel oder die Einteilung in einzelne Kapitel. Unübersichtlich wie ein Stau ist das Buch, leicht verliert man den Überblick, weiß nicht mehr wo hinten und vorne ist, verliert sich im Text, muss fast wie in Primärschulzeiten die einzelnen Zeilen mit dem Finger nachziehen, um nicht dauernd wieder nach dem richtigen Satz zu suchen.

Wir reden von „Die Wurst. Das Ende. Der Welt“ und IHM, dem Autoren, Maler und Bildhauer in einer Person, Rafael Springer, fast muss man sagen, „dem Schöpfer“ dieses Buches. In der Art und Weise, wie der Titel formuliert ist, präsentiert sich auch der Inhalt. Kleine Kostprobe gefällig? „Ich bin die Alzette! Kein richtiger Fluss. Kein klarer. Bin auch kein klarer Mensch. Kein klarer Denker. Stromlinienförmiger. Kein Geschichtenschreiber. Kein Erzähler. Kein Sinnmacher. Sollen die anderen flüssig reden. Ich kann es nicht. Will es nicht. Nicht so! Nicht jetzt! Nicht hier! Keine Zeit. Keine Lust. Es hat keinen Sinn. Ich knote sie zusammen! Die Stäbe dieses Buchs. Wie Bockwürste. Wie Wortwürste. Schände sie. Schmeiße sie. Zerknirsche sie. In meinem Kopf. In meine Pranken. Wie wehrlose Spermien in den Knoten eines Kondoms. (...)“. Ist das etwa Selbstdarstellung? Genau dies wollten wir in einem Gespräch herausfinden.

„Ich bin mein eigener Chef“

Fest steht, dass der in Zürich geborene und seit 1965 in Luxemburg lebende Künstler ein Mensch ist, der gerne herumexperimentiert, sei es mit Farben oder eben Wörtern. Vor allem will er dabei sein eigener Chef sein und sich nichts vorschreiben lassen. Schriftsteller wollte er schon immer werden. „Das war mein erstes Berufsziel, jedoch schreibe ich nicht so wie jemand, der das jeden Tag tut. Mein Schreibstil ist komplizierter, das Schreiben an sich nimmt mehr Zeit in Anspruch“, erklärt der Autodidakt. Vorbilder in der Welt der Literaten gibt es nicht. „Es hat lange gedauert bis ich diesen Stil entwickelt habe, bis ich also meine ganz eigene Sprache gefunden habe. Nur so will ich schreiben. Kräftig, aggressiv...“ Leicht verdaulich ist seine „Feder“ nicht, soll sie jedoch auch nicht. Einfach wird es der Leser demnach nicht haben, dessen ist sich der „Ab-und-zu“-Schriftsteller durchaus bewusst. Letztendlich hat er aber die Wahl, „wem mein Buch zu schwierig ist, der muss ganz einfach etwas anderes lesen. Entweder man reißt sich zusammen und beißt sich durch, oder eben nicht.“ So simpel ist es...

Sehr wohl steckt auch ein Konzept hinter dem Ganzen, auch wenn man zeitweilig meinen könnte, der Autor habe einfach wirr drauf los geschrieben und seine bizarren Gedanken festhalten wollen. „Es war eine mühsame Arbeit. Ich habe versucht, mich in einen Zustand hineinzuversetzen, den ich kenne, und diese Gedanken wieder zu geben,“ erklärt Rafael Springer das Entstehen seiner „Zeitnahme“, so der Untertitel des Buches.

Stau ist nicht gleich Stau

Diesen Zustand kennt übrigens jeder: Der Ich-Erzähler steht in einem Stau... Doch auch Stau ist nicht gleich Stau, lehrt uns der „Wurst-Buch“-Verfasser. „Stau kann alles und überall sein, sei es auf der Adolphe-Brücke oder am Arbeitsplatz. Man ist immer irgendwie eingeengt, durch gewisse Situationen im Leben, durch den Chef, durch Nachbarn... Die moderne Welt ‚ist’ Stau. Jeder will irgendwo hinkommen, doch kommt nicht weiter. Der Stau kann genauso gut im Kopf sein, wie auf der Straße. Alles ist möglich, alles ist offen.“ So verwundert es dann auch kaum, dass die Idee zu dem Buch, nicht in einem echten Stau entstanden ist. „Ich stehe selten im Stau, führe als Künstler in dieser Hinsicht sozusagen ein Luxus-Leben, ich kann Staus fast immer meiden“, so Springer schmunzelnd, „deshalb habe ich auch eine ganz andere Sicht der Dinge. Ich kann das Ganze mit mehr Wut sehen, oder einer anderen Wut, jedenfalls mit einer Wut, die mich nicht verletzt.“

„Ich stand nicht unter Drogen“

Wenn man „Die Wurst. Das Ende. Der Welt.“ liest, könnte man fast denken, der Verfasser habe kräftig Dampf ablassen müssen, doch ist er „eigentlich nicht der wütende Typ“, betont der 49-jährige. „Wenn ich etwas schreibe, möchte ich auch richtige Emotionen mit hinein bringen, genau wie ich solche mitbekommen will, wenn ich ein Buch lese, - obwohl das eigentlich eher selten vorkommt“, gibt der Künstler zu. „Ich bewundere Menschen die schön locker und fließend schreiben können, oder auch diejenigen die sie lesen. Ich brauche es kräftiger. ‚Normale’ Erzählungen langweilen mich, Geschichten die ich selbst erlebt habe oder hätte können. Mit meiner Art und Weise zu schreiben oder auch ein Kunstwerk zu schaffen, versuche ich etwas anderes zu machen. Ich erlaube mir die Freiheit, mit den Worten so umzugehen, wie ich es will, so als wäre es eine Skulptur, die ich schaffe, die modelliert werden soll und mit der ich mich von gängigen Methoden oder Stilen absondere. Ich weiß genau was ‚normal’ ist, und das will ich eben nicht. Ich spiele mit den Worten. Genau darin liegt der Reiz. Ich stand jedenfalls nicht unter Drogen, als ich dieses Buch geschrieben habe. Verschiedene werden mich aber wohl für etwas verrückt halten, wenn sie es lesen“, witzelt der Verfasser und betont, dass er damals auch nicht wirklich in Weltuntergangsstimmung gewesen sei.

„Mir geht es außerdem darum, den literarischen Betrieb zu erweitern, à ma façon. Ich habe nicht vor, 50 solcher Bücher zu schreiben.“ Doch besteht das Stau-Wurst-Buch nicht nur aus kurzen, fast stichwortartigen, abgehackten Sätzen, ähnlich Telegramm-Stil. Gegen Mitte findet sich doch tatsächlich ein sehr langes Satzgeflecht, mit vielen Kommas und Nebensätzen...

Keine Gebrauchsanweisung

Eine Gebrauchsanweisung resp. eine genaue Leseanleitung gibt es nicht, das Buch könne auch überflogen werden, so Springer. „Man muss nicht versuchen für jeden Satz ein Bild vor Augen zu haben oder alles durch zu interpretieren. Nicht alles soll wortwörtlich genommen werden.“ Zwischen den Zeilen darf gelesen werden, jedoch sei dies nicht Pflicht. Das Buch will ernst, allerdings gleichzeitig witzig sein. Genau festlegen möchte sich der Autor auch diesbezüglich nicht. „Nur dramatisch“ sei es jedenfalls nicht, „und eigentlich bin ich ja eher ein lustiger Kerl“.

Natürlich kann man die Handlung nicht bequem resümieren, diverse Leitmotive kehren jedoch immer wieder, wie etwa ein geheimnisvoller Terminator, dazu der passende Sublimator, die Adolphe-Brücke mit Endlos-Stau und natürlich die Wurst. „Ich erzähle keine Geschichte. Ich habe eher eine Situation beschrieben, mache jedoch keine Erzählung daraus.“ Einen Anfang und ein Ende hat das Ganze aber schon: in den Stau, aus dem Stau...

Schwerstarbeit

„Ich schreibe gerne, wenn auch nicht sehr oft. So zu schreiben, nimmt äußerst viel Zeit in Anspruch.“ Rund zwei Monate saß Rafael Springer an seiner Geschichte, die schließlich keine ist. Erst danach überlegte er, was mit dem Text passieren sollte: Publizieren? An einen Verlag senden?... „Ich klopfe nicht gerne an, weder mit meinen Bildern, noch mit einem Buch“, gibt der Künstler zu, „,Würden Sie bitte...?’ ‚Hätten Sie eventuell Interesse...?’ - das ist einfach nicht mein Stil. Ich bin ein geduldiger Mensch und warte eher ab, dass sich eine Gelegenheit von selbst bietet, anstatt irgendjemandem hinterher zu rennen. Ich bin wie ein Indianer, der auf dem Berg sitzt und darauf wartet, dass seine Feinde unten das Tal durchqueren.“ Natürlich handelt es sich bei Verlegern und Galleristen nicht um Feinde, und doch sitzt Rafael lieber oben auf seinem Berg, und wartet auf die passende Gelegenheit... Schließlich hat der Autor sein Buch im Eigenvertrieb bei „Books on Demand“ herausgebracht, es also bei diesem Verlag sozusagen selbst in Auftrag gegeben, bezahlt und ist auch eigens für den Weiterverkauf verantwortlich. Doch wie kommt es an den Mann? „Da ich viel unterwegs und unter Menschen bin, kann ich so schon genug verkaufen, um meine Unkosten zu decken. In Deutschland ist es im Internet-Buchhandel erhältlich.“ Durchaus bewusst ist sich Springer dessen, dass in Eigenregie herausgebrachte Bücher, oft kritisch beäugt werden, nach dem Prinzip: Das kann ja jeder. „Das stört mich nicht, ich weiß was ich gemacht habe und bin arrogant genug, davon überzeugt zu sein, dass es nichts Unnützes ist.“

„Alle 10 Jahre ein Buch, reicht mir“, erklärt Springer die lange „Schaffens-pause“, während der er sich eher auf das Malen konzentriert hat, - sein erstes Werk „Alarm“ erschien 1994. „Man muss schließlich auch wirklich etwas zu schreiben haben. Schreiben nur um des Schreiben willen, funktioniert bei mir nicht. Außerdem ist es sehr anstrengend. Ich schreibe ein, zwei Stunde, pausiere dann und habe trotzdem immer nur das Buch im Kopf. Also eine echte Pause, bevor der Text vollendet ist, gibt es eigentlich nicht. Man kommt nicht wirklich zur Ruhe, ist zu konzentriert, zu sehr in der Geschichte drin. Ich kann ‚nur’ schreiben oder ‚nur’ malen, nicht beides gleichzeitig.“

„Die Wurst. Das Ende. Der Welt“ wird es bald auch in Englisch geben. „Irgendwie klingt das ernster“, meint Springer, der es selbst übersetzt hat. Außerdem wird demnächst eine Kurzgeschichte, illustriert mit Bildern von Künstlerin Dany Neumann, erscheinen. Überdies steht der Dreh eines Kurzfilms in Paris auf dem Programm. „Das ist zwar nicht so mein Ding, aber manchmal doch ganz angenehm, vor allem um auf andere Gedanken zu kommen, also eine willkommene Abwechslung, just for fun eben. Genau wie Eishockey-Spielen, wichtig als Ausgleich um auch etwaige Aggressionen abzubauen, wobei ich jedoch absolut kein aggressiver Mensch bin. Mens sana in corpore sana“, betont Rafael, „Jedenfalls würde ich nie ‚nur’ Schriftsteller sein wollen.“

Rafael Springer liebt es herum zu experimentieren, sei es mit Wörtern, Farben oder Sonstigem ?

Photo: F. Aussems